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Brief an die Gläubigen I 7 (1 Gl)
(Ermahnung an die Brüder und Schwestern von der Buße)
Dieser Text ist eine Vorstufe der längeren Fassung dieses Schreibens (vgl. 2
Gl). Er gibt Aufschluß über die wichtigsten Gedanken, mit denen Franziskus das
Leben der Brüder und Schwestern von der Buße religiös formen wollte. Es
handelt sich um Gruppen, aus denen sich später der so genannte "Dritte
Orden" bildete. Diese Schrift eröffnet Blicke in das religiöse Innenleben
des Heiligen selbst bis hin in seine mystische Tiefe.
Im Namen des Herrn
[Kapitel I] Von denen, die Buße tun
1 Alle, die den Herrn "lieben aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele und
ganzem Sinnen, aus ganzer Kraft" (vgl. Mk 12,30) und ihre Nächsten lieben
wie sich selbst (vgl.Mt 22,39)/
2 und ihr verkehrtes Ich 8 Mit seinen Lastern und Sünden hassen /
3 und den Leib und das Blut unseres Herrn Jesus Christus empfangen /
4 und würdige Früchte der Buße bringen:
5 O wie selig und gebenedeit sind jene Männer und Frauen, wenn sie tun und
darin ausharren, /
6 denn "auf ihnen wird der Geist des Herrn ruhen" (vgl. Jes 11,2), und
er wird sich bei ihnen eine Wohnung und Bleibe schaffen (vgl. Joh 14,23),
7 und sie sind Kinder des himmlischen Vaters (vgl. Mt 5,45), dessen Werke sie
tun, und sie sind Anverlobte 9, Brüder und Mütter unseres Herrn Jesus Christus
(vgl. Mt 12,50).
8 Anverlobte sind wir, wenn die gläubige Seele durch den Heiligen Geist unserem
Herrn Jesus Christus verbunden wird.
9 Brüder sind wir ihm, wenn wir "den Willen des Vaters tun, der im Himmel
ist" (MI 12,50);
10 Mütter sind wir, wenn wir ihn durch die göttliche Liebe und ein reines und
lauteres Gewissen in unserem Herzen und Leibe tragen (vgl. 1 Kor 6,20); wir gebären
ihn durch ein heiliges Wirken, das anderen als Vorbild leuchten soll (vgl. Mt
5,16).
11 O, wie ist es ehrenvoll, einen heiligen und großen Vater im Himmel zu haben!
12 O, wie ist es heilig, einen solch herrlichen, schönen und bewundernswerten
Bräutigam zu haben!
13 O, wie ist es heilig und lieb, einen solch wohlgefälligen, demütigen,
Frieden stiftenden, süßen, liebevollen und über alles zu ersehnenden Bruder
und einen solchen Sohn zu haben: unseren Herrn Jesus Christus, der sein Leben für
seine Schafe hingegeben (vgl. Joh 10, 15) und zum Vater gebetet hat, indem er
sprach:
14 "Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, die du mir in der Welt
gegeben hast. Dein waren sie, und du hast sie mir gegeben.
15 Und die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben; und sie haben
sie angenommen und haben in Wahrheit geglaubt, daß ich von dir ausgegangen bin;
und sie haben erkannt, daß du mich gesandt hast.
16 Ich bitte für sie und nicht für die Welt.
17 Segne und heilige sie; und für sie weihe ich mich selbst.
18 Nicht für sie allein bitte ich, sondern auch für diejenigen, die auf jener
Wort hin an mich glauben werden, damit sie zur Einheit geweiht seien, wie wir es
sind.
19 Und ich will, Vater, daß wo ich bin, auch jene mit mir seien, damit sie
meine Herrlichkeit sehen in deinem Reich. Amen"10.
[Kapitel 2] Von denen, die nicht Buße tun
1 Alle jene Männer und Frauen aber, die nicht in Buße leben /
2 und den Leib und das Blut unseres Herrn Jesus Christus nicht empfangen /
3 und Laster und Sünden begehen und die nach der bösen Begehrlichkeit und den
schlechten Strebungen ihres Fleisches wandeln /
4 und nicht beobachten, was sie dem Herrn versprochen haben, /
5 und die mit ihrem Leib der Welt dienen in fleischlichen Begierden und in dem
geschäftigen Treiben der Welt und den Sorgen dieses Lebens:
6 Vom Teufel sind sie getäuscht, dessen Kinder sie sind und dessen Werke sie
tun (vgl. Joh 8,41);
7 blind sind sie, weil sie das wahre Licht, unseren Herrn Jesus Christus, nicht
sehen.
8 Die geistliche Weisheit besitzen sie nicht, weil sie den Sohn Gottes nicht
haben, der die wahre Weisheit des Vaters ist.
9 Von ihnen wird gesagt: "Ihre Weisheit ist verschlungen worden" (Ps
106,27) und: "Verflucht, die von deinen Geboten abweichen" (Ps
118,21).
10 Sie sehen und erkennen, wissen und tun das Böse und verderben selbst
wissentlich die Seelen.
11 Seht doch, ihr Blinden, die ihr von euren Feinden getäuscht seid: vom
Fleisch, von der Welt und vom Teufel, daß es dem Leib süß ist, die Sünde zu
begehen, und bitter ist, den Dienst Gottes zu tun!
12 Denn alle Laster und Sünden "gehen hervor und kommen aus dem Herzen der
Menschen", wie der Herr im Evangelium sagt (vgl. Mk 7,21).
13 Und nichts habt ihr in dieser Welt und auch nicht in der zukünftigen.
14 Und ihr wähnt, die Eitelkeiten dieser Weltzeit lange zu besitzen, aber ihr
seid betrogen, denn es kommt der Tag und die Stunde, an die ihr nicht denkt, die
ihr nicht wißt und nicht kennt. Der Leib wird krank, der Tod naht heran, und so
stirbt er eines bitteren Todes.
15 Und wo und wann und in welcher Weise auch immer ein Mensch in einer schweren
Sünde ohne Buße und Genugtuung stirbt - wenn er Genugtuung leisten kann und
sie nicht leistet -, da reißt der Teufel seine Seele unter solcher Angst und
Qual aus dem Leib, wie es niemand verstehen kann, wenn er es nicht selbst
erlebt.
16 Und alle Talente und die Macht und "das Wissen und die Weisheit" (2
Chr 1,12), die sie zu besitzen wähnten, wird 11 ihnen genommen werden (vgl. Lk
8,18; Mk 4,25).
17 Und sie hinterlassen ihr Vermögen den Verwandten und Freunden, und diese
haben es an sich genommen und verteilt und später gesagt: "Verflucht sei
seine Seele, denn er konnte uns mehr geben und erwerben, aber er hat es nicht
erworben."
18 Den Leib fressen die Würmer. Und so haben sie Seele und Leib in dieser
kurzen Erdenzeit verloren, und sie werden in die Hölle kommen, wo sie ohne Ende
gepeinigt werden.
19 Alle jene, zu denen dieser Brief gelangt, bitten wir in der Liebe die Gott
ist (vgl. 1 Joh 4,16), daß sie die oben angeführten wohlduftenden 12 Worte
unseres Herrn Jesus Christus mit göttlicher Liebe gutwillig aufnehmen.
20 Und die nicht lesen können, sollen sie sich oft vorlesen lassen.
21 Und sie sollen sie durch 13 heiliges Wirken bis ans Ende bewahren, denn
"sie sind Geist und Leben" (Joh 6,64). Und die das nicht tun,
werden"am Tage des Gerichtes Rechenschaft" (vgl. Mt 12,36) "vor
dem Richterstuhl" unseres Herrn Jesus Christus ablegen müssen 14 (vgl. Röm
14, 10).
Brief an die Gläubigen II 15
(2 Gl)
Diese erweiterte Fassung des Briefes hat offenbar Erfahrungen eingearbeitet, die
sich seit der ersten Fassung (1 Gl) ergaben. Es kam Franziskus darauf an, die Brüder
und Schwestern von der Buße, denen er sich verpflichtet fühlte, durch starkes
betonen der wahren Glaubenspositionen gegen ketzerische Irrtümer und
Fehlhaltungen zu schützen. - Wir haben in dieser Ausgabe den Text durch
Zwischenüberschriften gegliedert, die sich weitgehend nach den früher üblichen
Zwischenüberschriften richten.
1 Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Allen
religiös lebendigen Christen, KIerikern und Laien, Männern und Frauen, allen,
die in der ganzen Welt wohnen, entbietet Bruder Franziskus, ihr Knecht und
Untertan, ehrfurchtsvolle Ergebenheit, den wahren Frieden vom Himmel und
aufrichtige Liebe im Herrn.
2 Da ich der Knecht aller bin, so bin ich verpflichtet, allen zu dienen und
ihnen die wohlduftenden 16 Worte meines Herrn zu vermitteln.
3 Deshalb habe ich in meinem Geiste bedacht: weil ich wegen der Krankheit und
Schwäche meines Leibes nicht jeden einzelnen persönlich aufsuchen kann, so
habe ich mir vorgenommen, euch durch diesen Brief und durch Boten die Worte
unseres Herrn Jesus Christus, der das Wort des Vaters ist, mitzuteilen, sowie
auch die Worte des Heiligen Geistes, die "Geist und Leben sind" (Joh
6,64).
[l. Vom Wort des Vaters]
4 Dieses Wort des Vaters, so würdig, so heilig und glorreich, hat der allerhöchste
Vater vom Himmel durch seinen heiligen Engel Gabriel in den Schoß der heiligen
und glorreichen Jungfrau Maria gesandt. Aus ihrem Schoß hat er das wirkliche
Fleisch unserer Menschlichkeit und Gebrechlichkeit angenommen.
5 Und er wollte",obwohl er reich war" (2 Kor 8,9) über alle Maßen,
selber in der Welt mit der seligsten Jungfrau Maria, seiner Mutter, die Armut
erwählen.
6 Und dem Leiden nahe, feierte er das Ostermahl mit seinen Jüngern, und er nahm
das Brot, sagte Dank und segnete und brach es, indem er sprach:
7 "Nehmet und esset, das ist mein Leib. Und er nahm den Kelch und sprach:
Dies ist mein Blut des Neuen Bundes, das für euch und für viele vergossen wird
zur Vergebung der Sünden" (Mt 26,26-27).
8 Danach betete er zum Vater und sprach: "Vater, wenn es geschehen kann, so
gehe dieser Kelch an mir vorüber.
9 Und sein Schweiß wurde wie Tropfen Blutes, das zur Erde rinnt" (Lk
22,44).
10 Er legte aber seinen Willen in den Willen des Vaters und sprach: "Vater,
es geschehe dein Wille; nicht wie ich will, sondern wie du" (Mt 26, 42.39).
11 Dieses Vaters Wille war der, daß sein gebenedeiter und glorreicher Sohn, den
er uns geschenkt hat und der für uns geboren wurde, sich selbst durch sein
eigenes Blut als Opfer und Gabe auf dem Altare des Kreuzes darbringen sollte,
12 nicht wegen sich, "durch den alles geschaffen ist" (Joh 1, 3),
sondern für unsere Sünden, /
13 indem er uns ein Beispiel hinterließ, damit wir seinen Fußspuren folgen
(vgl. 1 Petr 2,21).
14 Und er will, daß wir alle durch ihn gerettet werden und ihn mit unserem
reinen Herzen und keuschen Leibe empfangen.
15 Aber es sind nur wenige, die ihn empfangen und durch ihn gerettet sein
wollen, obgleich doch "sein Joch süß ist und seine Bürde leicht" (Mt
11,30).
[2. Von denen, die Gottes Gebote nicht halten wollen]
16 Die nicht kosten wollen, "wie süß der Herr ist" (Ps 33,9), und
"die Finsternis mehr lieben als das Licht" (Joh 3,19), weil sie Gottes
Gebote nicht erfüllen wollen, die sind verflucht.
17 Von ihnen wird durch den Propheten gesagt: "Verflucht, die von deinen
Geboten abweichen" (Ps 118,21).
18 Aber wie selig und gebenedeit sind jene, die Gott lieben und so handeln, wie
der Herr selbst im Evangelium sagt: "Du sollst den Herrn deinen Gott lieben
aus deinem ganzen Herzen und aus deinem ganzen Sinnen und deinen Nächsten wie
dich selbst" (Mt 22,37.39).
[3. Von der Liebe zu Gott und von seiner Verehrung]
19 Laßt uns also Gott lieben und ihn anbeten mit reinem Herzen und reinem Sinn,
weil er selbst dies über alles gesucht hat, indem er sagte: "Die wahren
Anbeter werden den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten" (Joh 4,23).
20 Denn alle, "die ihn anbeten, müssen ihn im Geiste der Wahrheit
anbeten" (vgl. Joh 4,24).
21 Und wir wollen ihm bei Tag und Nacht Lobpreisungen und Gebete darbringen,
indem wir sprechen: "Vater unser, der du bist in den Himmeln" (Mt
6,9); denn wir "müssen allezeit beten und dürfen nicht nachlassen" (Lk
18, 1).
[4. Daß wir die Sünden den Priestern beichten sollen]
22 Wir müssen ja alle unsere Sünden dem Priester beichten; und von ihm laßt
uns den Leib und das Blut unseres Herrn Jesus Christus empfangen.
23 Wer sein Fleisch nicht ißt und sein Blut nicht trinkt (vgl. Job 6,55.57),
"kann nicht in das Reich Gottes eingehen" (Joh 3,5).
24 Doch soll man würdig essen und trinken, denn wer unwürdig empfängt,
"der ißt und trinkt sich das Gericht, weil er den Leib des Herrn nicht
unterscheidet" (l. Kor 11,29), das heißt: unterschiedslos behandelt.
25 Laßt uns überdies "würdige Früchte der Buße bringen" (Lk 3,8).
26 Und laßt uns unsere Nächsten lieben wie uns selbst (vgl. Mt 22,39).
27 Und wenn einer sie nicht genauso lieben will wie sich selbst, so möge er
ihnen wenigstens nichts Böses antun, sondern Gutes erweisen.
[5. Wie diejenigen, welche die Macht erhalten haben,
andere richten sollen]
28 Die aber die Macht erhalten haben, andere zu richten, sollen das Richteramt
mit Erbarmen ausüben, wie sie selbst vom Herrn Erbarmen zu erhalten wünschen.
29 Denn ein Gericht ohne Erbarmen wird über jene ergehen, die kein Erbarmen geübt
haben (vgl. Jak 2,13).
30 Laßt uns daher Liebe und Demut haben; und laßt uns Almosen spenden, denn
gerade das Almosen wäscht die Seelen von den Makeln der Sünde rein (vgl. Tob
4,11).
31 Die Menschen verlieren ja doch alles, was sie in dieser Welt zurücklassen;
mit sich nehmen sie jedoch den Lohn der Wohltätigkeit und die Almosen, die sie
gegeben haben, und für welche sie vom Herrn Lohn und würdiges Entgelt erhalten
werden.
[6. Über das Fasten sowohl von Lastern als auch von Speisen]
32 Wir müssen auch fasten und uns enthalten von Lastern und Sünden (vgl. Sir
3,32) sowie vom Überfluß an Speisen und Trank, und wir müssen katholisch sein
17.
33 Wir müssen auch häufig die Kirchen aufsuchen und den KIerikern 18
Hochachtung und Ehrfurcht erweisen, nicht allein um ihrer selbst willen - wenn
sie Sünder wären - sondern wegen des Amtes und der Verwaltung des heiligsten
Leibes und Blutes Christi, den sie auf dem Altare opfern und den sie empfangen
und austeilen.
34 Und wir alle sollen fest wissen, daß niemand gerettet werden kann als nur
durch die heiligen Worte und das Blut unseres Herrn Jesus Christus, welche die
KIeriker sprechen, verkünden und darreichen.
35 Und nur sie allein dürfen diesen Dienst ausüben und niemand sonst.
36 Besonders aber sind die Ordensleute, die der Welt entsagt haben,
verpflichtet, noch mehr und Größeres zu tun, aber jenes nicht zu unterlassen
(vgl. Lk 11,42).
[7. Von der Feindesliebe und vom rechten Gehorsam]
37 Wir müssen unser Ich 19 mit den Lastern und Sünden hassen, weil der Herr im
Evangelium sagt: Alles Böse, alle Laster und Sünden, "kommen aus dem
Herzen" (Mt 15,18-19, Mk 7,23).
38 Wir müssen unsere Feinde lieben und denen, die uns hassen, Gutes tun (vgl.
Mt 5,44; Lk 6,27).
39 Wir müssen die Gebote und Räte unseres Herrn Jesus Christus beobachten.
40 Wir müssen auch uns selbst verleugnen (vgl. Mt 16,24) und unsere Leiber
unter das Joch der Knechtschaft und des heiligen Gehorsams beugen, wie es ein
jeder dem Herrn versprochen hat.
41 Und kein Mensch soll kraft des Gehorsams verpflichtet sein, jemand in einer
Sache zu gehorchen, wo eine Schuld oder Sünde begangen wird.
[8. Daß der, welcher als der Größere gilt,
den anderen dienen soll]
42 Wem aber der Gehorsam anvertraut ist und wer als der Größere gilt, der soll
wie der Geringere (Lk 22,26) und der Knecht der anderen Brüder sein.
43 Und er soll jedem einzelnen seiner Brüder das Erbarmen erzeigen und
entgegenbringen, das er sich selbst erwiesen haben möchte, wenn er in ganz ähnlicher
Lage wäre (vgl. Mt 7,12).
44 Auch soll er nicht wegen des Vergehens eines Bruders gegen den Bruder zornig
werden, sondern er soll ihn mit aller Geduld und Demut gütig ermahnen und
unterstützen.
[9. Daß wir nicht nach der Art des Fleisches weise sein sollen]
45 Wir dürfen nicht nach der Art des Fleisches weise und klug sein, sondern müssen
vielmehr einfältig, demütig und rein sein.
46 Und unsere Leiber sollen wir in Schmach und Verachtung halten, weil wir alle
durch unsere Schuld elend und voll Fäulnis, abscheulich und Würmer sind, wie
der Herr durch den Propheten sagt: "Ich bin ein Wurm und kein Mensch, ein
Spott für die Menschen und die Verachtung des Volkes" (Ps 21,7).
47 Niemals dürfen wir uns danach sehnen, über anderen zu stehen, sondern müssen
vielmehr "um Gottes willen" die Knechte und Untergebenen jeder
menschlichen Kreatur" (1 Petr 2,13) 20 sein.
48 Und alle jene Männer und Frauen: wenn sie dieses tun und darin bis zum Ende
verharren, so "wird der Geist des Herrn auf ihnen ruhen" (Jes 11,2),
und er wird sich in ihnen eine Wohnung und Bleibe schaffen (Joh 14,23).
49 Und sie werden Kinder des himmlischen Vaters sein (vgl. Mt 5,45), dessen
Werke sie tun.
50 Und sie sind Anverlobte 21, Brüder und Mütter unseres Herrn Jesus Christus
(vgl. Mt 12,50).
51 Anverlobte sind wir, wenn die gläubige Seele durch den Heiligen Geist mit
Jesus Christus verbunden wird.
52 Brüder sind wir ja, wenn wir den Willen seines Vaters tun, der im Himmel ist
(vgl. Mt 12,50).
53 Mütter sind wir, wenn wir ihn durch die Liebe und ein reines und lauteres
Gewissen in unserem Herzen und Leibe tragen (vgl. 1 Kor 6,20); wir gebären ihn
durch ein heiliges Wirken, das anderen als Vorbild leuchten soll (vgl. Mt 5,16).
54 O, wie ist es ehrenvoll, einen heiligen und großen Vater im Himmel zu haben!
55 O, wie ist es heilig, einen herrlichen, schönen und bewundernswerten Bräutigam
zu haben!
56 O, wie ist es heilig und wie lieb, einen solch wohlgefälligen, demütigen,
Frieden stiftenden, süßen und liebevollen und über alles zu ersehnenden
Bruder und Sohn zu haben, der sein Leben für seine Schafe hingegeben (vgl. Joh
10, 15) und für uns zum Vater gebetet hat, indem er sprach: "Heiliger
Vater, bewahre sie in deinem Namen, die du mir gegeben hast.
57 Vater, alle, die du mir in der Welt gegeben hast, waren dein, und du hast sie
mir gegeben.
58 Und die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben. Und sie haben
sie angenommen und in Wahrheit erkannt, daß ich von dir ausgegangen bin; und
sie haben geglaubt, daß du mich gesandt hast. Ich bitte für sie, und nicht für
die Welt.
59 Segne und heilige sie. Und für sie weihe ich mich selbst, damit sie zur
Einheit geweiht sind, wie auch wir es sind.
60 Und ich will, Vater, daß dort, wo ich bin, auch jene mit mir seien, damit
sie meine Herrlichkeit sehen in deinem Reich" 22 .
[10. Daß Gott Lobpreis dargebracht werden soll]
61 Ihm aber, der so Schweres für uns erduldet und uns so viel Gutes erwiesen
hat und in Zukunft erweisen wird - jegliche Kreatur, die im Himmel, auf der
Erde, im Meer und in den Tiefen ist, soll Gott Lob, Herrlichkeit, Ehre und
Benedeiung erweisen (Offb 5,13),
62 weil er unsere Kraft und Stärke ist, er, der allein gut ist, allein der Höchste,
allein allmächtig, bewundernswert, herrlich und allein heilig, lobwürdig und
gepriesen durch die unendlichen Ewigkeiten der Ewigkeiten. Amen.
[11. Von der Buße und vom Leibe Christi]
63 Alle jene aber, die nicht in Buße leben und den Leib und das Blut unseres
Herrn Jesus Christus nicht empfangen /
64 und Laster und Sünden begehen und nach der bösen Begehrlichkeit und nach bösen
Süchten wandeln und nicht beobachten, was sie versprochen haben, /
65 und die mit ihrem Leib der Welt dienen in fleischlichen Begierden, in den
Sorgen und dem geschäftigen Treiben dieser Welt und den Sorgen dieses Lebens:
66 vom Teufel getäuscht, dessen Kinder sie sind und dessen Werke sie tun (vgl.
Joh 8,41), sind sie blind, weil sie das wahre Licht, unseren Herrn Jesus
Christus nicht sehen.
67 Die geistliche Weisheit besitzen sie nicht, weil sie den Sohn Gottes nicht in
sich haben, der die wahre Weisheit des Vaters ist. Von ihnen wird gesagt:
"Ihre Weisheit ist verschlungen worden" (Ps 106,27).
68 Sie sehen und erkennen, wissen und tun das Böse und verlieren wissentlich
die Seelen.
69 Seht doch, ihr Blinden, die von unseren Feinden getäuscht sind, nämlich vom
Fleisch, von der Welt und vom Teufel, daß es dem Leib süß ist, die Sünde zu
begehen, und bitter, Gott zu dienen. Denn alles Böse, alle Laster und Sünden
"gehen hervor und kommen aus dem Herzen der Menschen", wie der Herr im
Evangelium sagt (vgl. Mk 7,21).
70 Und nichts habt ihr in dieser Welt und auch nicht in der zukünftigen.
71 Ihr wähnt, die Eitelkeiten dieser Weltzeit lange zu besitzen, aber ihr seid
betrogen, denn es kommt der Tag und die Stunde, an die ihr nicht denkt, die ihr
nicht wißt und nicht kennt.
[12. Von dem Kranken, der schlecht Buße tut]
72 Der Leib wird krank 23, der Tod naht heran, es kommen die Verwandten und
Freunde und sagen: "Ordne deine Dinge!"
73 Seht, seine Frau und seine Kinder und die Verwandten und Freunde tun so, als
weinten sie.
74 Und er schaut auf und sieht sie weinen; da wird er von einer bösen Regung
erfaßt. Er überlegt in seinem Inneren und spricht: "Seht, die Seele und
meinen Leib und all das Meine lege ich in eure Hände."
75 Wahrhaftig, dieser Mensch ist verflucht, der seine Seele und den Leib und all
das Seine solchen Händen anvertraut und überantwortet.
76 Daher sagt der Herr durch den Propheten: "Verflucht der Mensch, der auf
einen Menschen vertraut" (Jer 17,5).
77 Und sofort lassen sie einen Priester kommen. Der Priester sagt zu ihm:
"Willst du die Buße annehmen für alle deine Sünden?" /
78 Er erwidert: "Ich will." "Willst du Genugtuung leisten für
deine Vergehen und für das, womit du Menschen betrogen und hintergangen hast,
so wie du es mit deinem Vermögen kannst?" /
79 Er antwortet: "Nein." Und der Priester sagt: "Warum
nicht?" /
80 "Weil ich alles in die Hände der Verwandten und Freunde übergeben
habe."
81 Und er beginnt, die Sprache zu verlieren, und so stirbt jener Elende.
82 Es sollen aber alle wissen: Wo und wie auch immer ein Mensch in einer
schweren Sünde ohne Genugtuung stirbt - wenn er Genugtuung leisten kann und sie
nicht leistet -, da reißt der Teufel seine Seele unter solcher Angst und
Drangsal aus dem Leib, wie es niemand verstehen kann, wenn er es nicht selbst
erlebt.
83 Und alle Talente und die Macht und das Wissen, das er zu besitzen wähnte,
wird ihm genommen werden (vgl. Lk 8,18; Mk 4,25).
84 Und er hinterläßt sein Vermögen den Verwandten und Freunden, und diese
werden es nehmen und verteilen und später sagen: "Verflucht sei seine
Seele, denn er hätte uns mehr geben und erwerben können, als er tatsächlich
erworben hat." /
85 Den Leib fressen die Würmer. Und so verliert er Seele und Leib in dieser
kurzen Erdenzeit, und er wird in die Hölle kommen, wo er ohne Ende gepeinigt
wird.
86 Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
87 Ich, Bruder Franziskus, euer minderer Knecht, bitte und beschwöre euch in
der Liebe, die Gott ist (vgl. 1 Joh 4,16), und im Verlangen, eure Füsse zu küssen,
daß ihr diese und die anderen Worte unseres Herrn Jesus Christus mit Demut und
Liebe aufnehmen, sie tun und beobachten sollt.
88 Und alle jene Männer und Frauen, die sie gutwillig aufnehmen und verstehen
und anderen in einer Abschrift zusenden, und wenn sie in ihnen ausharren bis ans
Ende (Mt 24,13), so möge sie segnen der Vater und der Sohn und der Heilige
Geist. Amen.
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