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Nicht bullierte Regel 110 (NbR)
Im Jahre 1209 bzw. 1210 legte Franziskus dem Papst Innozenz III. die erste Form
seiner Ordensregel vor. Ihre Textgestalt ist heute nicht mehr bekannt. Mit dem
Wachsen der Brüderschaft ergab sich die Notwendigkeit, die Entwicklung zu berücksichtigen
durch Ergänzungen, Verbesserungen und Überarbeitungen des Regeltextes. Das
geschah auf den Generalkapiteln. Das Generalkapitel des Jahres 1221 erstellte
die Redaktion des uns bekannten Textes der nicht bullierten Regel.
[Prolog]
1 Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes!
2 Dies ist das Leben des Evangeliums Jesu Christi, welches Bruder Franziskus vom
Herrn Papst Innozenz erbeten hat, daß es ihm gewährt und bestätigt würde.
Und dieser gewährte und bestätigte es ihm und seinen Brüdern, den damaligen
und den zukünftigen.
3 Bruder Franziskus und wer immer das Haupt dieses Ordens sein wird, soll
Gehorsam und Ehrerbietung dem Herrn Papst Innozenz und seinen Nachfolgern
versprechen.
4 Und alle anderen Brüder sollen verpflichtet sein, dem Bruder Franziskus und
dessen Nachfolgern zu gehorchen.
[l. Kapitel
Daß die Brüder leben sollen ohne Eigentum
und in Keuschheit und in Gehorsam]
1 Regel und Leben dieser Brüder ist dieses, nämlich zu leben in Gehorsam, in
Keuschheit und ohne Eigentum und unseres Herrn Jesu Christi Lehre und Fußspuren
zu folgen, der sagt:
2 "Wenn du vollkommen sein willst, dann geh (MI 19,21) und verkaufe alles
(vgl. Lk 18,22), was du hast, und gib es den Armen, und du wirst einen Schatz im
Himmel haben; und komm, folge mir nach" (Mt 19,2 1).
3 Und: "Wenn jemand mir nachfolgen will, verleugne er sich selbst und nehme
sein Kreuz auf sich und folge mir" (Mt 16,24).
4 Ebenso: "Wenn jemand zu mir kommen will und nicht Vater und Mutter und
Frau und Kinder und Brüder und Schwestern haßt, ja selbst sogar sein eigenes
Leben, kann er mein Jünger nicht sein" (Lk 14,26).
5 Und: "Jeder, der Vater oder Mutter, Brüder oder Schwestern, Frau oder
Kinder, Häuser oder Äcker um meinetwillen verläßt, wird Hundertfaches
erhalten und das ewige Leben besitzen" (vgl. Mt 19,29, Mk 10,29, Lk 18,29).
[2. Kapitel
Von der Aufnahme und der Kleidung der Brüder]
1 Wenn jemand auf Gottes Eingebung hin dieses Leben annehmen will und zu unseren
Brüdern kommt, werde er liebevoll von ihnen aufgenommen.
2 Wenn er nun entschlossen ist, unser Leben anzunehmen, sollen die Brüder sich
sehr hüten, sich in seine zeitlichen Angelegenheiten einzumischen-, vielmehr
sollen sie ihn bei ihrem Minister vorstellen, so schnell sie können.
3 Der Minister aber nehme ihn liebevoll auf und bestärke ihn und erkläre ihm
sorgfältig die Eigenart unseres Lebens.
4 Ist das geschehen, dann soll der Genannte, wenn er will und vom Geist erfüllt
es ungehindert kann, all seine Habe verkaufen und das alles unter die Armen zu
verteilen suchen.
5 Hüten sollen sich die Brüder und der Minister der Brüder, daß sie sich in
keiner Weise in seine Angelegenheiten einmischen;
6 und sie sollen keinerlei Geld annehmen, weder er allein noch durch eine
Mittelsperson.
7 Wenn die Brüder jedoch Mangel leiden, können sie andere lebensnotwendige
Dinge, Geld ausgenommen, der Notlage wegen, wie andere Arme annehmen.
8 Und wenn er wieder zurückkommt, soll der Minister ihm die Kleidung für die
Probezeit auf ein Jahr gewähren, nämlich zwei Habite ohne Kapuze und einen Gürtelstrick
und Hosen und einen Kaparon 111 bis zum Gürtel.
9 Ist aber Jahr und Frist der Probezeit beendet, soll er zum Gehorsam angenommen
werden.
10 Danach soll es ihm nicht erlaubt sein, in einen anderen Orden einzutreten,
noch "sich außerhalb des Gehorsams herumzutreiben", entsprechend der
Anordnung des Herrn Papstes 112 und gemäß dem Evangelium, denn "keiner,
der die Hand an den Pflug legt und rückwärts schaut, ist für das Reich Gottes
geeignet" (Lk 9,62).
11 Wenn nun aber jemand kommt, der seine Habe nicht ungehindert weggeben kann
und doch das vom Geist erfüllte Wollen hat, so soll er seine Habe verlassen,
und das genügt für ihn.
12 Niemand darf aufgenommen werden gegen Vorschrift und Anordnung der heiligen
Kirche.
13 Die anderen Brüder aber, die den Gehorsam versprochen haben, sollen einen
Habit mit Kapuze und, wenn es notwendig würde, einen anderen ohne Kapuze haben,
und auch den Gürtelstrick und die Hosen.
14 Und alle Brüder sollen geringwertige Kleidung tragen und sollen sie mit
grobem Tuch und anderen Tuchstücken verstärken 113 können mit Gottes Segen.
Denn der Herr sagt im Evangelium: "Die kostbare Kleider tragen und üppig
leben" (Lk 7,25) und "die sich weichlich kleiden, sind an den Höfen
der Könige" (Mt 11, 8).
15 Und mag man sie auch Heuchler nennen, so sollen sie doch nicht aufhören, gut
zu handeln, und sie sollen auch nicht nach teurer Kleidung verlangen in dieser
Weltzeit, damit sie das Kleid im Himmelreich erhalten können.
[3. Kapitel
Vom Göttlichen Offizium und vom Fasten]
1 Der Herr sagt: "Diese Art böser Geister kann nur durch Fasten und Gebet
ausgetrieben werden" (vgl. Mk 9,28).
2 Und wieder-um: "Wenn ihr fastet, dann werdet nicht wie traurige
Heuchler" (Mt 6,16).
3 Daher sollen alle Brüder, seien sie Kleriker 114 oder Laien, das Göttliche
Offizium 115, die Lobpreisungen und Gebete, verrichten, wie sie es schuldig sind
zu tun.
4 Die Kleriker sollen das Offizium verrichten und für Lebende und Verstorbene
beten, wie es bei den Klerikern üblich ist.
5 Und für Versagen und Nachlässigkeit der Brüder sollen sie jeden Tag:
"Erbarme dich meiner, Gott" (Ps 50) mit dem Vaterunser beten.
6 Und für die verstorbenen Vaterunser.
7 Und an Büchern sollen sie nur die zur Erfüllung des Offiziums notwendigen
haben 116 können.
8 Und auch den Laien, die den Psalter zu lesen verstehen, ihnen soll es erlaubt
sein, einen solchen zu haben.
9 Den anderen aber, die des Lesens unkundig sind, soll es nicht gestattet sein,
ein Buch zu haben.
10 Die Laien sollen beten: "Ich glaube an Gott" und vierundzwanzig
Vaterunser mit "Ehre sei dem Vater" für die Matutin; für die Laudes
aber fünf, für die Prim "Ich glaube an Gott" und sieben Vaterunser
mit "Ehre sei dem Vater"-, für die Terz; Sext und Non, auch für jede
einzelne Hore sieben; für die Vesper zwölf-, für die Komplet "Ich glaube
an Gott" und sieben Vaterunser mit "Ehre sei dem Vater"; für die
Verstorbenen sieben Vaterunser mit "Herr, gib ihnen die ewige Ruhe";
und für Versagen und Nachlässigkeit der Brüder jeden Tag drei Vaterunser.
11 Und ebenso sollen alle Brüder fasten vom Fest Allerheiligen bis Weihnachten
und von Epiphanie, als unser Herr Jesus Christus zu fasten begann, bis Ostern.
12 Zu anderen Zeiten aber sollen sie diesem Leben 117 gemäß nicht zum Fasten
gehalten sein, außer am Freitag.
13 Und es soll ihnen erlaubt sein nach dem Evangelium, von allen Speisen zu
essen, die ihnen vorgesetzt werden (vgl. Lk 10, 8).
[4. Kapitel
Von den Ministern
und den anderen Brüdern in ihrem Verhältnis zueinander]
1 Im Namen des Herrn!
2 Alle Brüder, die als Minister und Diener der anderen Brüder eingesetzt
werden, sollen die Brüder auf die Provinzen und Niederlassungen 118 verteilen,
in denen sie sein sollen. Und sie sollen die Brüder oft aufsuchen und geistlich
ermahnen und bestärken.
3 Und alle meine anderen gebenedeiten Brüder sollen ihnen sorgfältig gehorchen
in den Dingen, welche das Heil der Seele angehen und unserem Leben nicht zuwider
sind.
4 Und sie sollen sich untereinander so benehmen, wie der Herr sagt: "Alles,
was ihr wünscht, daß es euch die Menschen tun, das tut auch ihr ihnen" (Mt
7,12); /
5 ferner: "Was du nicht willst, daß es dir geschehe, das tu keinem anderen
an" (Tob 4,16). Und die Minister und Diener sollen eingedenk sein, daß der
Herr sagt:
6 "Ich bin nicht gekommen, bedient zu werden, sondern zu dienen" (Mt
20,28), und daß ihnen die Sorge für die Seelen der Brüder anvertraut ist. Und
sollte etwas 119 von diesen durch ihre Schuld und ihr schlechtes Beispiel
verlorengehen, so werden sie am Tage des Gerichtes Rechenschaft ablegen müssen
(vgl. Mt 12,36) vor dem Herrn Jesus Christus.
[5. Kapitel
Von der Zurechtweisung der Brüder bei Verfehlung]
1 Darum behütet eure und der Brüder Seelen-, denn "furchtbar ist es, in
die Hände des lebendigen Gottes zu fallen" (Hebr 10,31).
2 Wenn aber ein Minister einem Bruder etwas gegen unser Leben oder gegen dessen
Seele befehlen sollte, darin ist der Bruder nicht verpflichtet, ihm zu
gehorchen.
3 Denn das ist nicht Gehorsam, wenn dabei ein Vergehen oder eine Sünde begangen
wird. Jedoch sollen alle Brüder, die den Ministern und Dienern unterstellt
sind, mit verständiger Sorgfalt auf das achten, was die Minister und Diener
tun.
4 Und wenn sie sehen, daß einer von ihnen fleischlich wandelt und nicht
geistlich, wie es der Rechtheit unseres Lebens entspricht, und er sich nach der
dritten Ermahnung nicht bessert, dann sollen sie, ohne sich durch irgendeinen
Widerspruch abbringen zu lassen, auf dem Pfingstkapitel dem Minister und Diener
der gesamten Brüderschaft Bericht erstatten.
5 Wenn sich aber irgendwo unter den Brüdern ein Bruder fände, der fleischlich
und nicht geistlich wandeln wollte, dann sollen die Brüder, mit denen er
zusammen ist, ihn in Demut und Sorgfalt ermahnen, ihn aufmerksam machen und zur
Rede stellen.
6 Wenn nun jener sich nach dreimaliger- Emahnung nicht bessern wollte, dann
sollen sie ihn so bald
wie möglich zu seinem Minister und Diener schicken oder ihn demselben anzeigen.
Und der Minister und Diener soll so mit ihm verfahren, wie er es vor Gott am
besten erachtet.
7 Und hüten sollen sich alle Brüder, sowohl die Minister und Diener als auch
die anderen, wegen der Sünde oder der Übeltat eines anderen in Verwirrung oder
Zorn zu geraten. Denn der Teufel will durch die Sünde eines einzelnen viele
verderben.
8 Vielmehr sollen sie, so gut sie können, dem, der gesündigt hat, geistlichen
Beistand leisten; denn "nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern
die Kranken" (vgl. Mt 9,12 mit Mk 2,17).
9 Ebenso 120 soll hierbei kein Bruder eine Machtstellung oder ein Herrscheramt
innehaben, vor allem nicht unter den Brüdern selbst.
10 Denn wie der Herr im Evangelium sagt: Die Fürsten der Völker herrschen über
diese, und die die Größeren sind, üben Macht unter ihnen aus" (Mt
20,25), so soll es unter den Brüdern nicht sein (vgl. Mt 20,26a).
11 Und wer auch immer "der Größere unter ihnen werden will, der sei ihr
Diener" (vgl. Mt 20,26b) und Knecht.
12 Und wer der Größere unter ihnen ist, werde wie der Geringere (vgl. Lk
22,26).
13 Und kein Bruder soll einem anderen Böses tun oder Böses sagen.
14 Ja, vielmehr sollen sie durch die Liebe des Geistes einander freiwillig
dienen und gehorchen (vgl. Gal 5,13).
15 Und das ist der wahre und heilige Gehorsam unseres Herrn Jesus Christus.
16 Und alle Brüder, sooft sie "von den Geboten des Herrn abweichen"
und sich außerhalb des Gehorsams herumtreiben, wie der Prophet sagt (Ps
118,21), sollen wissen, daß sie verflucht sind außerhalb des Gehorsams, soweit
121 sie wissentlich in dieser Sünde bleiben.
17 Und wenn sie ausgeharrt haben in den Geboten des Herrn, die sie um des
heiligen Evangeliums und ihres eigenen Lebens 122 willen versprochen haben,
sollen sie wissen, daß sie im wahren Gehorsam verweilen und vom Herrn gesegnet
sind.
[6. Kapitel
Von der Zufluchtnahme der Brüder bei den Ministern,
und daß kein Bruder "Prior" genannt werden soll]
1 Wenn Brüder, an welchen Orten 123 auch immer sie sind, unser Leben nicht
beobachten können, sollen sie, so schnell sie können, zu ihrem Minister
Zuflucht nehmen und ihm dies mitteilen.
2 Der Minister aber bemühe sich, so für sie zu sorgen, wie er selbst wünschte,
daß ihm geschähe, wenn er in einer ganz ähnlichen Lage wäre (vgl. Mt 7,12).
3 Und keiner soll "Prior" genannt werden, sondern alle sollen
schlechthin "Mindere Brüder" heißen.
4 Und einer wasche des anderen Füße (vgl. Joh 13,14).
[7. Kapitel
Von der Weise zu dienen und zu arbeiten]
1 Keiner der Brüder, an welchen Orten auch immer sie bei anderen verweilen, um
zu dienen oder zu arbeiten, soll Kämmerer oder, Kanzler 124 sein, noch
Oberhaupt eine leitende Stelle in den Häusern innehaben, in denen sie dienen.
Auch sollen sie kein Amt Übernehmen, das Ärgernis hervorrufen oder "ihrer
Seele Schaden zufügen würde" (vgl. Mk 8,36).
2 Sie sollen vielmehr die Minderen und allen untergeben sein, die im gleichen
Hause sind.
3 Und die Brüder, die arbeiten können, sollen arbeiten und das Handwerk ausüben,
das sie verstehen, wenn es nicht gegen das Heil der Seele ist und ehrbar ausgeübt
werden kann.
4 Denn der Prophet sagt: "Den Lohn der Mühen deiner Hände wirst du genießen;
glücklich bist du, und es wird dir wohl ergehen" (Ps 127,2).
5 Und der Apostel: "Wer nicht arbeiten will, soll nicht essen" (vgl. 2
Thess 3, 10).
6 Und: "Jeder soll" bei dem Handwerk und Dienst bleiben, "zu dem
er berufen wurde" (vgl. 1 Kor 7,24).
7 Und für die Arbeit können sie alles Notwendige annehmen außer Geld.
8 Und wenn es notwendig würde, mögen sie um Almosen gehen wie andere Arme.
9 Und es soll ihnen erlaubt sein, Werkzeug und Gerät zu haben, das für ihr
Handwerk geeignet ist.
10 Alle Brüder "sollen sich bemühen, mit Eifer gute Werke zu
verrichten" 125, denn es steht geschrieben: "Sei immer dabei, etwas
Gutes zu tun, damit der Teufel dich beschäftigt finde"126.
11 Und ebenso: "Müßiggang ist der Seele Feind"127.
12 Daher müssen die Knechte Gottes immer dem Gebete oder irgendeiner guten Tätigkeit
obliegen.
13 Hüten sollen sich die Brüder, wo auch immer sie in Einsiedeleien oder an
anderen Orten sind, daß sie einen Ort sich aneignen und einem anderen streitig
machen 128.
14 Und mag zu ihnen kommen, wer da will, Freund oder Feind, Dieb oder Räuber,
so soll er gütig aufgenommen werden.
15 Und wo immer die Brüder auch sind und an welchem Orte sie sich treffen, müssen
sie sich geistlich und aufmerksam wiedersehen und "einander ohne
Murren" (1 Petr 4,9) ehren.
16 Und sie mögen sich hüten, sich nach außen hin traurig und wie düstere
Heuchler zu zeigen; sie sollen sich vielmehr als solche zeigen, "die sich
im Herrn freuen" (vgl. Phil 4,4)1 und heiter und liebenswürdig sind, wie
es sich geziemt.
[8. Kapitel
Daß die Brüder kein Geld annehmen sollen]
1 Der Herr befiehlt im Evangelium: "Gebt acht, hütet euch vor jeglicher
Bosheit und Habsucht" (vgl. Lk 12,15);
2 und: "Seid auf der Hut vor dem geschäftigen Treiben dieser Welt und den
Sorgen dieses Lebens" (vgl. Lk 21,34).
3 Darum soll kein Bruder, wo immer er auch sein mag und wohin immer er geht,
Geld oder Münzen auch nur irgendwie aufheben oder annehmen oder annehmen
lassen, weder für Kleidung noch für Bücher noch als Lohn für eine Arbeit,
nein, unter keinem Vorwand, es sei denn wegen der offenkundigen Notlage kranker
Brüder; denn Geld oder Münzen dürfen für uns keinen größere Nutzen haben,
und wir dürfen sie nicht höher schätzen als Steine.
4 Und jene will der Teufel verblenden, die nach ihm [dem Geld] verlangen oder es
für wertvoller als Steine halten.
5 Hüten wir uns also, die alles verlassen haben (vgl. Mt 19,27), daß wir nicht
wegen etwas so Geringem das Himmelreich verlieren.
6 Und wenn wir irgendwo Münzen finden sollten, wollen wir uns um sie nicht
anders kümmern als um den Staub, den wir mit Füßen treten, denn "es ist
Eitelkeit der Eitelkeiten, und alles ist eitel" (Pred 1,2).
7 Und sollte es doch vorkommen - was ferne sei -, daß ein Bruder Geld oder Münzen
sammelt oder hat ausgenommen allein die erwähnte Notlage der Kranken -, dann
wollen wir Brüder alle ihn für einen falschen Bruder und Abtrünnigen und Dieb
und Räuber halten und für den, der den Geldbeutel hat 129 (Vgl. Joh 12,6), es
sei denn, daß er aufrichtig Buße tue.
8 Und unter keinen Umständen dürfen die Brüder Geld als Almosen und Münzen für
irgendwelche Häuser oder Niederlassungen annehmen oder annehmen lassen oder
sammeln oder sammeln lassen. Sie sollen auch niemand begleiten, der für solche
Niederlassungen Geld oder Münzen sammelt.
9 Andere Dienste aber, die unserem Leben nicht zuwider sind, können die Brüder
für die Niederlassungen mit dem
10 Segen Gottes tun. Bei einer offenkundigen Not von Aussätzigen jedoch können
die Brüder für sie Almosen sammeln.
11 Doch sollen sie sich sehr vor dem Geld hüten.
12 Ebenso sollen alle Brüder es vermeiden, um eines schmutzigen Gewinnes willen
durch die Lande zu ziehen.
[9. Kapitel
Vom Almosenbitten]
1 Alle Brüder sollen bestrebt sein, der Demut und Armut unseres Herrn Jesus
Christus nachzufolgen. Und sie sollen daran denken, daß mir, wie der Apostel
sagt, von der ganzen Welt nichts anderes nötig haben als "Nahrung und
Meidung; damit sind wir zufrieden" (vgl. 1 Tim 6,8).
2 Und sie müssen sich freuen, wenn sie mit gewöhnlichen und verachteten Leuten
verkehren, mit Armen und Schwachen und Aussätzigen und Bettlern am Wege.
3 Und wenn es notwendig wäre, mögen sie um Almosen geben.
4 Und sie dürfen sich nicht schämen und sollen mehr daran denken, daß unser
Herr Jesus "Christus, der Sohn des lebendigen Gottes" (Joh 11,27), des
Allmächtigen, "sein Antlitz wie den härtesten Felsen gemacht hat" (Jes
50,7) und sich nicht geschämt hat.
5 Und er ist arm gewesen und ein Fremdling und hat von Almosen gelebt, er selbst
und die selige Jungfrau und seine Jünger.
6 Und wenn ihnen die Menschen Schmach antun würden und ihnen kein Almosen geben
wollten, dann sollen sie Gott dafür danken; denn für die Schmach werden sie
große Ehre vor dem Richterstuhl unseres Herrn Jesus Christus erhalten.
7 Und sie sollen wissen, daß die Schmach nicht denen angerechnet wird, die sie
ertragen, sondern denen, die sie zufügen.
8 Und das Almosen ist das Erbe und der gerechte Anteil, der den Armen zusteht,
den unser Herr Jesus Christus uns erworben hat.
9 Und die Brüder, die sich abmühen, es zu sammeln, werden großen Lohn
erhalten und lassen die Spender gewinnen und erwerben. Denn alles, was die
Menschen in der Welt zurücklassen werden, wird vergehen, aber für die Wohltätigkeit
und die Almosen, die sie gegeben haben, werden sie Lohn vom Herrn erhalten.
10 Und vertrauensvoll soll einer dem anderen seine Not offenbaren, damit er ihm
das Notwendige ausfindig mache und verschaffe.
11 Und jeder liebe und ernähre seinen Bruder, wie eine Mutter ihren Sohn liebt
und ernährt (vgl. 1 Thess 2,7); dabei wird Gott ihm 130 Gnade schenken.
12 Und "wer nicht ißt, soll den, der ißt, nicht richten" (Röm 14, 3
b).
13 Und wenn irgendeinmal Not über sie kommt, soll es allen Brüdern, wo auch
immer sie sein mögen, erlaubt sein, sich aller Speisen zu bedienen, die
Menschen essen können, wie der Herr von David sagt, der "die Schaubrote aß"
(vgl. Mt 12,4), "welche niemand essen durfte als nur die Priester" (Mk
2,26).
14 Und sie sollen beherzigen, was der Herr sagt: "Achtet aber auf euch
selbst, daß eure Herzen nicht etwa durch Völlerei und Trunkenheit und Sorgen
dieses Lebens beschwert werden und jener Tag auf euch unversehens hereinbreche;
15 denn wie eine Schlinge wird er über alle kommen, die den Erdkreis
bewohnen" (vgl. Lk 21,34-35).
16 Ebenso 136 dürfen auch alle Brüder mit dem für sie Notwendigen in Zeit
offenkundiger Not verfahren, gleichwie ihnen der Herr die Gnade schenkt; denn
Not hat kein Gebot.
[10. Kapitel
Von den kranken Brüdern]
1 Wenn einer der Brüder schwer krank werden sollte 132, mag er sein wo immer,
dann sollen die anderen Brüder ihn nicht verlassen, ohne einen oder, wenn
notwendig, mehrere Brüder bestimmt zu haben, die ihm dienen, wie "sie
selber bedient werden wollten" (vgl. Mt 7,12).
2 Im äußersten Notfall jedoch können sie ihn einer Person anvertrauen, die
sich seiner Krankheit annehmen soll.
3 Und ich bitte den kranken Bruder, er möge so zu sein verlangen, wie der Herr
ihn will, sei es gesund, sei es krank. Denn, alle, die Gott "zum ewigen
Leben vorherbestimmt hat" (vgl. Apg 13,48), "die unterweist er durch
die Stacheln von Schlägen und Krankheiten und durch den Geist der Reue",
wie der Herr sagt: "Die ich liebe, die weise ich zurecht und züchtige
sie" (Offb 3,19).
4 Und wenn einer verwirrt oder zornig wird, sei es gegen Gott, sei es gegen die
Brüder, oder wenn er vielleicht ungestüm Arzneien fordern wird, da er zu sehr
sein Fleisch zu befreien begehrt, das bald sterben wird und ein Feind der Seele
ist, dann kommt ihm das vom Bösen, und er ist fleischlich und scheint nicht zu
den Brüdern zu gehören, weil er den Leib mehr liebt als die Seele.
[11. Kapitel
Daß die Brüder nicht lästern und nicht verleumden,
sondern sich gegenseitig lieben sollen]
1 Und alle Brüder sollen sich hüten, zu verleumden und sich in Wortgezänk
einzulassen (vgl. 2 Tim 2,14);
2 vielmehr sollen sie bemüht sein, Schweigen zu bewahren, wann immer ihnen Gott
die Gnade geben wird.
3 Auch sollen sie nicht untereinander oder mit anderen herumstreiten, sondern
bemüht sein, demütig zu antworten und zu sagen: "Ich bin ein unnützer
Knecht" (vgl. Lk 17, 10).
4 Und sie sollen nicht zürnen, "weil jeder, der seinem Bruder zürnt, dem
Gerichte verfallen sein wird. Wer zu seinem Bruder sagt: Du Taugenichts', wird
dem Rate verfallen sein. Wer zu ihm sagt: Du Narr', wird der Feuerhölle
verfallen sein" (Mt 5,22).
5 Und sie sollen sich gegenseitig lieben, wie der Herr sagt: " Das ist mein
Gebot, daß ihr einander liebt, wie ich euch geliebt habe" (Job 15,12).
6 Und sie sollen die Liebe, die sie zueinander haben, aus den Werken zeigen
(vgl. Jak 2,18), wie der Apostel sagt: "Laßt uns nicht mit dem Wort und
der Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit" (1 Job 3,18).
7 Und "sie sollen niemanden lästern" (vgl. Tit 3,2).
8 Sie sollen nicht murren, andere nicht verleumden, denn es steht geschrieben:
"Ohrenbläser und Verleumder sind Gott verhaßt" (vgl. Röm 1,29).
9 Und sie seien bescheiden "und sollen allen Menschen alle Sanftmut
erweisen" (vgl. Tit 3,2).
10 Sie sollen nicht richten, nicht verdammen.
11 Und wie der Herr sagt, sollen sie die geringsten Sünden anderer nicht
betrachten (vgl. Mt 7,3; Lk 6,41);
12 vielmehr sollen sie mehr die eigenen "in der Bitterkeit ihrer Seele überdenken"
(Jes 38,15).
13 Und sie sollen sich bemühen, "durch die enge Pforte einzutreten" (Lk
13,24), denn der Herr sagt: "Eng ist die Pforte und schmal der Weg, der zum
Leben führt; und nur wenige sind, die ihn finden" (Mt 7,14).
[12. Kapitel
Vom unlauteren Blick und Umgang mit Frauen]
1 Alle Brüder, wo immer sie auch sind und wohin sie gehen, sollen sich in acht
nehmen vor unlauterem Blick und Umgang mit Frauen.
2 Und keiner soll sich allein mit ihnen beraten oder mit ihnen des Weges ziehen
oder bei Tisch mit ihnen aus einer Schüssel essen.
3 Die Priester sollen ehrbar mit ihnen sprechen, wenn sie ihnen die Buße
auferlegen oder ihnen sonst einen geistlichen Rat geben.
4 Und auf keinen Fall darf eine Frau von einem Bruder in ein Gehorsamsverhältnis
aufgenommen werden, sondern nachdem ihr ein geistlicher Rat erteilt worden ist,
mag sie Buße tun, wo sie will.
5 Und wir wollen uns alle sehr in acht nehmen und alle unsere Glieder rein
bewahren, denn der Herr sagt: "Wer eine Frau anschaut, um sie zu begehren,
hat schon in seinem Herzen Ehebruch an ihr begangen" (Mt 5,28);
6 und der Apostel: "Oder wißt ihr nicht, daß eure Glieder ein Tempel des
Heiligen Geistes sind?" (vgl. 1 Kor 6,19). Wer daher "den Tempel
Gottes entweiht, den wird Gott vernichten" (1 Kor 3,17).
[13. Kapitel
Vom Meiden der Unzucht]
1 Wenn ein Bruder auf Anreiz des Teufels Unzucht treiben sollte, dann soll man
ihm den Habit ausziehen, den er durch seine abscheuliche Freveltat verloren hat,
und er soll den Habit völlig ablegen und vollends aus unserem Orden ausgestoßen
werden.
2 Und danach mag er Buße tun für die Sünden (vgl. 1 Kor 5,4-5).
[14. Kapitel
Wie die Brüder durch die Welt ziehen sollen]
1 Wenn die Brüder durch die Welt ziehen, sollen sie nichts auf dem Weg mit sich
führen, weder (vgl. Lk 9,3) Beutel (vgl. Lk 10,4) "noch Tasche noch Brot
noch Geld (vgl. Lk 9,3) noch Stab" (vgl. Mt 10, 10).
2 Und wenn sie irgendein Haus betreten, sollen sie zuerst sagen: "Friede
diesem Hause!" (vgl. Lk 10,5).
3 Und sie mögen in diesem Hause bleiben und essen und trinken, "was es Der
ihnen gibt" (vgl. Lk 10,7).
4 Sie sollen dem Bösen nicht widerstehen (vgl. Mt 5,39), sondern wenn sie
jemand auf die eine Wange schlägt, sollen sie auch die andere hinhalten (vgl.
Mt 5,39, Lk 6,29).
5 Und "wer ihnen das Kleid wegnimmt, dem sollen sie auch das Hemd"
nicht verweigern (vgl. Lk 6,29).
6 "Jedem, der sie um etwas bittet", sollen sie geben-, "und wer
das Ihrige wegnimmt", von dem sollen sie es nicht zurückfordern (vgl. Lk
6,30).
[15. Kapitel
Daß die Brüder nicht reiten sollen]
1 Ich gebiete allen meinen Brüdern, Klerikern wie Laien, mögen sie durch die
Welt ziehen oder in Niederlassungen weilen 133, auf keine Weise bei sich oder
bei einem anderen oder auf irgendeine andere Weise ein Tier zu halten.
2 Es soll ihnen auch nicht gestattet sein zu reiten, wenn sie nicht durch Schwäche
134 oder große Not dazu gezwungen sind.
[16. Kapitel
Von denen, die unter die Sarazenen
und andere Ungläubige gehen wollen]
1 Der Herr sagt: "Seht, ich sende euch wie Schafe mitten unter Wölfe.
2 " Seid daher "klug wie Schlangen und einfältig wie Tauben" (Mt
10, 16).
3 Daher soll jeder Bruder, der unter die Sarazenen und andere Ungläubige gehen
will, mit der Erlaubnis seines Ministers und Dieners gehen.
4 Und der Minister soll ihnen ohne Widerspruch die Erlaubnis geben, wenn er
sieht, daß sie tauglich sind, geschickt zu werden; denn er wird dem Herrn
Rechenschaft ablegen müssen (vgl. Lk 16,2), wenn er hierin oder in anderen
Dingen unüberlegt 135 vorgegangen ist.
5 Die Brüder aber, die hinausziehen, können in zweifacher Weise unter ihnen
geistlich wandeln.
6 Eine Art besteht darin, daß sie weder Zank noch Streit beginnen, sondern
"um Gottes willen jeder menschlichen Kreatur" (1 Petr 2,13) untertan
sind und bekennen, daß sie Christen sind.
7 Die andere Art ist die, daß sie, wenn sie sehen, daß es dem Herrn gefällt,
das Wort Gottes verkünden: sie sollen glauben an den allmächtigen Gott, den
Vater und den Sohn und den Heiligen Geist, den Schöpfer aller Dinge, an den
Sohn, den Erlöser und Retter, und sie sollen sich taufen lassen und Christen
werden; denn "wenn jemand nicht wiedergeboren wird aus dem Wasser und dem
Heiligen Geiste, kann er nicht in das Reich Gottes eingehen" (vgl. Joh
3,4).
8 Dieses und anderes, was dem Herrn wohlgefällig ist, können sie ihnen und
anderen sagen, denn der Herr sagt im Evangelium: "Jeder, der mich vor den
Menschen bekennen wird, den werde auch ich vor meinem Vater bekennen, der im
Himmel ist" (Mt 19,32).
9 Und: "Wer sich meiner und meiner Worte schämt, dessen wird sich auch der
Menschensohn schämen, wenn er in seiner und des Vaters und der Engel
Herrlichkeit kommen wird" (vgl. (Lk 9,26).
10 Und alle Brüder, wo auch immer sie sind, sollen bedenken, daß sie sich dem
Herrn Jesus Christus übergeben und ihm ihre Leiber überlassen haben.
11 Und um seiner Liebe willen müssen sie sich den sichtbaren wie den
unsichtbaren Feinden aussetzten; denn der Herr sagt: "Wer sein Leben um
meinetwillen verliert, wird es retten" (vgl. Lk 9,24) "zum ewigen
Leben" (Mt 25,46).
12 "Selig, die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen, denn ihrer
ist das Himmelreich" (Mt 5, 10).
13 "Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen" (Joh
15,20).
14 Wenn sie "euch in einer Stadt verfolgen, flieht in eine andere"
(vgl. Mt 10, 23).
15 "Selig seid ihr (Mt 5, 1 1), wenn euch die Menschen hassen (Lk 6,22) und
euch schmähen und verfolgen (vgl. Mt 5, 1 1) und euch ausstoßen und verhöhnen
und euren Namen als bös verwerfen (Lk 6,22) und wenn sie euch alles Schlechte fälschlich
nachsagen um meinetwillen (Mt 5,11).
16 Freut euch an jenem Tage und frohlocket (Lk 6,23), denn reich ist euer Lohn
im Himmel" (vgl. Mt 5,12).
17 Und ich sage "euch, meinen Freunden: Laßt euch von diesen nicht
erschrecken (vgl. Lk 12,4) /
18 und fürchtet jene nicht, die den Leib töten" (Mt 10,28) "und darüber
hinaus nichts haben, was sie tun könnten" (Lk 12,4).
19 "Seht zu, daß ihr nicht in Verwirrung geratet" (Mt 24,6).
20 Denn in eurer Geduld werdet ihr eure Seelen besitzen (Lk 21,19).
21 Und "wer ausharrt bis ans Ende, der wird gerettet werden" (Mt
10,22; 24,13).
[17. Kapitel
Von den Predigern]
1 Kein Bruder soll predigen gegen Vorschrift und Anordnung der heiligen Kirche
und nur, wenn es ihm von seinem Minister erlaubt ist.
2 Und der Minister möge sich hüten, jemandem unüberlegt 136 die Erlaubnis zu
erteilen.
3 Alle Brüder sollen jedoch durch die Werke predigen.
4 Und kein Minister oder Prediger soll das Amt des Ministers der Brüder oder
das Predigtamt sich aneignen, sondern zu jeder Stunde, wenn es ihm befohlen
wird, soll er ohne jeden Widerspruch auf sein Amt verzichten.
5 Daher bitte ich in der Liebe, die Gott ist (vgl. 1 Joh 4,16), alle meine Brüder,
die predigen, beten, arbeiten, sowohl die Kleriker wie die Laien, daß sie
danach trachten, sich in allem zu verdemütigen, sich nicht zu rühmen, weder
selbstgefällig zu sein, noch innerlich sich zu erheben wegen guter Worte und
Werke,
6 überhaupt über gar nichts Gutes, das Gott bisweilen in ihnen und durch sie
tut oder spricht und wirkt gemäß dem Wort des Herrn: "Doch freut euch
nicht darüber, daß euch die Geister unterworfen sind" (Lk 10,20).
7 Und wir sollen fest überzeugt sein, daß nur Laster und Sünden zu uns gehören.
8 Und wir müssen uns mehr freuen, "wenn wir in mancherlei Versuchungen
geraten" sollten (vgl. Jak 1,2) und wenn wir in dieser Welt um des ewigen
Lebens willen vielerlei Ängste und Trübsale an Seele und Leib ertragen
sollten.
9 Darum wollen wir Brüder uns alle hüten vor allem Stolz und eitler Ruhmsucht.
10 Und wir wollen uns in acht nehmen vor der Weisheit dieser Welt und vor
"der klugheit des Fleisches" (Röm 8,6).
11 Denn der Geist des Fleisches drängt und treibt sehr an, Worte zu machen,
wenig aber zum Wirken.
12 Und er sucht nicht Frömmigkeit und Heiligkeit in der Innerlichkeit des
Geistes, sondern will und ersehnt, eine Frömmigkeit und Heiligkeit zu haben,
die nach außen hin den Menschen etwas vormacht.
13 Und das sind jene, von denen der Herr sagt: "Wahrlich, ich sage euch,
sie haben ihren Lohn empfangen" (Mt 6,2).
14 Der Geist des Herrn aber will, daß das Fleisch abgetötet und verachtet,
niedrig und verächtlich sei.
15 Und er treibt an zu Demut und Geduld und zu dem reinen und einfältigen und
wahren Frieden des Geistes.
16 Und über alles ersehnt er stets die Furcht Gottes und die Weisheit Gottes
und die Liebe Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
17 Und alles Gute wollen wir dem Herrn, dem erhabensten und höchsten Gott, zurückerstatten
und alles Gute als sein Eigentum anerkennen und ihm für alles Dank sagen,
"von dem alles Gute herkommt"137.
18 Und er, der erhabenste und höchste, der einzig wahre Gott, möge erhalten,
und ihm sollen erwiesen werden, und er möge empfangen alle Ehren und
Ehrerweisungen, alle Lobpreisungen und Benedeiungen, allen Dank und alle
Herrlichkeit, er, dem jegliches Gute gehört, der allein gut ist (vgl. Lk
18,19).
19 Und wenn wir sehen oder hören, [daß Menschen] 138 Böses sagen oder tun
oder Gott lästern, dann wollen wir Gutes sagen und Gutes tun und Gott loben
(vgl. Röm 12, 21), "der gepriesen ist in Ewigkeit" (Röm 1,25).
[18. Kapitel
Wie die Minister zusammenkommen sollen] 139
1 Alljährlich kann jeder Minister mit seinen Brüdern am Feste des heiligen
Erzengels Michael zusammenkommen, wo nur immer es Ihnen beliebt, um das zu
behandeln, was sich auf Gott bezieht.
2 Alle Minister nämlich, die in den Gebieten jenseits des Meeres und jenseits
der Alpen sind, sollen einmal in drei Jahren und die anderen Minister einmal im
Jahr zum Pfingstkapitel bei der Kirche der heiligen Maria von Portiunkula
kommen, wenn es nicht vom Minister und Diener der gesamten Brüderschaft anders
angeordnet würde.
[19. Kapitel
Daß die Brüder katholisch leben sollen]
1 Alle Brüder sollen katholisch sein, katholisch leben und reden.
2 Wenn aber einer in Wort oder Werk vom katholischen Glauben und Leben abirren
sollte und sich nicht bessern würde, soll er aus unserer Brüderschaft gänzlich
ausgestoßen werden.
3 Und alle Kleriker 140 und alle Ordensleute sollen wir als Herren betrachten in
den Dingen, die das Heil der Seele angehen und nicht von unserem Orden
abweichen. Und ihrer Weihe und ihrem Amt und Dienst wollen wir im Herrn
Ehrfurcht erweisen.
[20. Kapitel
Von der Buße und dem Empfang des Leibes und Blutes
unseres Herrn Jesus Christus]
1 Und meine gebenedeiten Brüder, seien sie Kleriker oder Laien, sollen ihre Sünden
Priestern unseres Ordens beichten.
2 Und wenn sie das nicht können, mögen sie bei anderen besonnenen und
katholischen Priestern beichten; dabei sollen sie fest wissen und beachten: von
welchen katholischen Priestern auch immer sie Buße und Lossprechung erhalten
haben, sie sind ohne Zweifel von diesen Sünden losgesprochen, wenn sie sich bemüht
haben, die ihnen auferlegte Buße demütig und getreu zu verrichten.
3 Wenn sie aber gerade keinen Priester haben können, mögen sie ihrem Bruder
beichten, wie der Apostel Jakobus sagt: "Bekennt einander eure Sünden"
(Jak 5,16).
4 Doch dürfen sie deswegen nicht unterlassen, sich an einen Priester zu wenden,
weil die Binde- und Lösegewalt allein den Priestern übertragen ist.
5 Und nach solcher Reue und Beichte sollen sie den Leib und das Blut unseres
Herrn Jesus Christus mit großer Demut und Verehrung empfangen, eingedenk, daß
der Herr sagt: "Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, hat das ewige
Leben" (vgl. Joh 6,55);
6 und: "Tut dies zu meinem Gedächtnis" (Lk 22,19).
[21. Kapitel
Von der Lob- und Mahnrede, die alle Brüder halten können]
1 Und diese oder eine ähnliche Mahn- und Lobrede können alle meine Brüder mit
Gottes Segen bei allen Leuten halten, wann immer sie es für gut finden:
2 Fürchtet und ehret, lobet und benedeiet, "saget Dank" (1 Thess
5,18) und betet an den Herrn, den allmächtigen Gott in der Dreifaltigkeit und
Einheit, den Vater und den Sohn und den Heiligen Geist, den Schöpfer aller
Wesen.
3 Tut Buße (vgl. Mt 3,2), bringt würdige Früchte der Buße (vgl. Lk 3,8),
denn wir werden bald sterben.
4 "Gebt, und es wird euch gegeben werden" (Lk 6,38).
5 "Vergebt, und es wird euch vergeben werden" (vgl. Lk 6,37).
6 "Und wenn ihr den Menschen ihre Sünden nicht vergebt" (Mt 6,14),
wird der Herr "euch eure Sünden nicht vergeben" (Mk 11,25).
7 Bekennt alle eure Sünden (vgl. Jak 5,16). Selig, die in Buße sterben, denn
sie werden im Himmelreich sein.
8 Wehe jenen, die nicht in Buße sterben, denn sie werden "Kinder des
Teufels" (1 Joh 3, 10) sein, dessen Werke sie tun (vgl. Joh 8,41), und sie
werden "in das ewige Feuer" kommen (Mt 18,8, 25,41).
9 Nehmt euch in acht und hütet euch vor allem Bösen und harret aus im Guten
bis ans Ende.
[22. Kapitel
Von der Ermahnung der Brüder]
1 Geben wir acht, wir Brüder alle, was der Herr sagt: "Liebet eure Feinde
und tut denen Gutes, die euch hassen" (vgl. Mt 5,44 par.);
2 denn unser Herr Jesus Christus, dessen Fußspuren wir folgen müssen (vgl. 1
Petr 2,21), hat seinen Verräter Freund genannt (vgl. Mt 26,50) und sich
freiwillig denen überliefert, die ihn kreuzigten.
3 Darum sind alle jene unsere Freunde, die uns ungerechterweise Drangsal und Ängste,
Schmach und Unrecht, Schmerzen und Qualen, Marter und Tod antun;
4 und diese müssen wir sehr lieben, weil wir für das, was sie uns antun, das
ewige Leben erlangen.
5 Und hassen wollen wir unseren Leib mit seinen Lastern und Sünden; denn durch
ein fleischliches Leben will der Teufel uns die Liebe Jesu Christi und das ewige
Leben rauben und sich selbst mit allen in die Hölle stürzen.
6 Denn durch unsere Schuld sind wir abscheulich 141, erbärmlich und dem Guten
zuwider, zum Bösen aber bereit und willig, weil, wie der Herr im Evangelium
sagt, /
7 "aus dem Herzen hervorkommen und ausgehen: böse Gedanken, Ehebrüche,
Unzucht, Mordtaten, Diebstähle, Habsucht, Bosheit, Arglist, Schamlosigkeit,
Scheelsucht, falsche Zeugnisse, Gotteslästerung, Torheit" (vgl. Mk 7,21-
8 22-, Mt 15,19). "All dies Böse kommt von innen aus dem Herzen des
Menschen" (vgl. Mk 7,23), "und dies ist es, was den Menschen unrein
macht" (Mt 15,20).
9 Jetzt aber, nachdem wir die Welt verlassen haben, sind wir verpflichtet,
nichts anderes zu tun, als dem Willen des Herrn zu folgen und ihm allein zu
gefallen.
10 Wir wollen uns sorgfältig davor hüten, Erdreich am Wege zu sein oder
steiniges oder dornenbewachsenes Erdreich, gemäß dem, was der Herr im
Evangelium sagt:
11 "Der Same ist das Wort Gottes 142. /
12 Was aber an den Weg hinfiel und zertreten wurde 143, das sind jene, die das
Wort hören 144 und nicht verstehen 145 ;
13 und sofort 146 kommt der Teufel 147 und raubt 148, was in ihre Herzen gesät
ist 149, und nimmt das Wort aus ihren Herzen, damit sie nicht glauben und
gerettet werden 150.
14 Was aber auf steiniges Erdreich fiel 151, das sind jene, die, wenn sie das
Wort gehört haben, es sofort mit Freude 152 aufnehmen 153 .
15 Kommen aber um des Wortes willen Trübsal und Verfolgung, so nehmen sie
sofort Anstoß 154; und diese haben keine Wurzel in sich, sondern sind unbeständig
155, weil sie eine Zeitlang glauben und in der Zeit der Versuchung abfallen 156.
16 Was aber in die Dornen fiel, das sind jene 157, die das Wort Gottes hören
158, und das geschäftige Treiben 159 und die Sorgen 160 dieser Welt und der
Trug des Reichtums 161 und die Begierden nach den übrigen Dingen schleichen
sich ein und ersticken das Wort, und sie bleiben ohne Frucht 162.
17 Was aber in gutes Erdreich 163 gesät ist 164, das sind jene, die mit gutem
und bestem Herzen das Wort hören 165, es verstehen und 166 festhalten und
Frucht bringen in Beharrlichkeit"167.
18 Und darum wollen wir Brüder, wie der Herr sagt, "die Toten ihre Toten
begraben lassen"168.
19 Und wir wollen uns sehr hüten vor der Bosheit und Durchtriebenheit Satans,
der will, daß der Mensch seinen Sinn und sein Herz nicht bei Gott habe.
20 Und er geht umher und möchte das Herz des Menschen durch den Blick auf eine
Belohnung oder eine Hilfe rauben und das Wort und die Weisungen des Herrn im Gedächtnis
ersticken. Und er will durch weltliche Geschäfte und Sorgen das Herz des
Menschen blind machen und darin Wohnung nehmen, wie der Herr sagt:
21 "Wenn der unreine Geist von einem Menschen ausgefahren ist, schweift er
durch öde (Mt 12,43) und wasserlose Orte, Ruhe suchend; und da er sie nicht
findet, spricht er:
22 Ich will in mein Haus zurückkehren, von dem ich ausgegangen bin (Lk 11,24).
23 Und er kommt und findet es leer, mit Besen gesäubert und geschmückt (Mt
12,44).
24 Und er geht hin und nimmt noch sieben andere Geister hinzu, die schlimmer
sind als er selbst; und sie ziehen ein und wohnen darin, und die letzten Dinge
dieses Menschen sind ärger als die ersten" (vgl. Lk 11,26).
25 Darum, ihr Brüder alle, wollen wir uns sehr davor hüten, daß wir nicht
durch den Blick auf eine Belohnung oder ein Werk oder eine Hilfe unsere Seele
und das Herz verlieren oder vom Herrn abwenden.
26 Vielmehr bitte ich in der heiligen Liebe, die Gott ist (vgl. 1 Joh 4,16), daß
alle Brüder, sowohl die Minister als auch die anderen, sich mühen, alle
Hindernisse zu beseitigen und alle Sorge und Besorgnis hintanzustellen, und, wie
nur immer sie besser können, mit geläutertem Herzen und reinem Sinn Gott dem
Herrn zu dienen, ihn zu lieben, zu ehren und anzubeten;
27 und dies sucht er selbst über alle Maßen. Und immer wollen wir ihm dort
Wohnung und Bleibe bereiten (vgl. Joh 14,23), der da ist der Herr, der allmächtige
Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist, der sagt: "Seid daher
allezeit wachsam im Gebet, damit ihr würdig befunden werdet, allem Unheil, das
kommen wird, zu entgehen und vor dem Menschensohn zu stehen" (Lk 21,36).
28 "Und wenn ihr steht zum Gebete (MK 11,25), dann sprecht (Lk 11,2): Vater
unser, der du bist in den Himmeln" (Mt 6,9).
29 Und wir wollen ihn anbeten mit reinen Herzen, "denn man muß immer beten
und nicht nachlassen" (Lk 18, 1);
30 "denn der Vater sucht solche" Anbeter.
31 "Gott ist ein Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in
der Wahrheit anbeten" (vgl. Joh 4,23-24).
32 Und zu ihm wollen wir unsere Zuflucht nehmen so wie "zum Hirten und
Bischof unserer Seelen" (1 Petr 2,25), der sagt: "Ich bin der gute
Hirt, der ich meine Schafe weide und mein Leben für meine Schafe gebe"169.
33 Ihr alle seid Brüder.
34 Und laßt euch nicht Vater nennen auf Erden, einer nur ist nämlich euer
Vater, der im Himmel ist.
35 Und laßt euch auch nicht Meister nennen"; denn nur einer ist euer
Meister, der im Himmel ist (vgl. Mt 23,8-10).
36 "Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, dann mögt ihr
erbitten, was immer ihr..wollt, und es wird euch zuteil werden" (Job 15,7).
37 "Überall, wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich
mitten unter ihnen" (Mt 18,20).
38 "Seht, ich bin bei euch bis zur Vollendung der Welt" (Mt 28,20).
39 "Die Worte, die ich zu euch gesprochen habe, sind Geist und Leben"
(Jo 6,64).
40 "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben" (Job 14,6).
41 Laßt uns also die Worte, das Leben und die Lehre und das heilige Evangelium
dessen festhalten, der sich herabgelassen hat, für uns seinen Vater zu bitten
und uns seinen Namen kundzutun, indem er sprach: " Vater, verherrliche
deinen Namen" (Job 12,28a) und "verherrliche deinen Sohn, damit dein
Sohn dich verherrliche" (Job 17, lb).
42 Vater, "ich habe deinen Namen den Menschen kundgetan, die du mir gegeben
hast" (Job 17,6). "Ich habe die Worte, die du mir gegeben hast, ihnen
gegeben. Und sie haben sie angenommen und haben erkannt, daß ich von dir
ausgegangen bin, und haben geglaubt, daß du mich gesandt hast.
43 Ich bitte für sie, nicht für die Welt, /
44 sondern für die, welche du mir gegeben hast, denn sie sind dein, und all das
Meine ist dein" (Job 17,8-10).
45 "Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, die du mir gegeben hast,
damit sie eins seien, wie auch wir" (Job 17,llb).
46 "Dies sage ich in der Welt, damit sie die Freude in sich selber haben.
47 Ich habe ihnen dein Wort anvertraut; aber die Welt hat sie gehaßt, weil sie
nicht von der Welt sind, wie auch ich nicht von der Welt bin.
48 Ich bitte nicht, du mögest sie aus der Welt herausnehmen, sondern du mögest
sie vor dem Bösen bewahren" (Job 17,13b-15).
49 Verherrliche "sie in der Wahrheit.
50 Dein Wort ist Wahrheit.
51 Wie du mich in die Welt gesandt hast, habe auch ich sie in die Welt gesandt.
52 Und für sie weihe ich mich selbst, damit sie in Wahrheit geweiht seien.
53 Nicht für sie allein bitte ich, sondern für jene, die auf ihr Wort hin an
mich glauben werden (vgl. Job 17,17-20), damit sie vollkommen eins seien und die
Welt erkenne, daß du mich gesandt und sie geliebt hast, wie du mich geliebt
hast" (Job 17,23).
54 "Und ich will ihnen deinen Namen kundtun, damit die Liebe, mit der du
mich geliebt hast, in ihnen sei Und wo ich in ihnen" (vgl. Job 17,26).
55 "Vater, ich will, daß, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir
gegeben hast, damit sie deine Herrlichkeit schauen (Job 17,24) in deinem
Reiche" (Mt 20,21). Amen.
[23. Kapitel
Gebet und Danksagung]
1 Allmächtiger, heiligster, erhabenster, höchster Gott, heiliger und gerechter
Vater (Job 17,11), Herr, König "des Himmels und der Erde" (vgl. Mt
11,25), wir sagen dir Dank um deiner selbst willen, weil du durch deinen
heiligen Willen und durch deinen einzigen Sohn mit dem Heiligen Geiste alles
Geistige und Körperliche geschaffen und uns, geformt "nach deinem Bild und
deiner Ähnlichkeit, ins Paradies gestellt hast" (vgl. Gen 1,26. 2.15).
2 Und durch unsere eigene Schuld sind wir gefallen.
3 Und wir sagen dir Dank, weil du, gleichwie du uns durch deinen Sohn erschaffen
hast, so durch deine heilige Liebe, "mit der du uns geliebt hast"
(vgl. Job 17,26), ihn selbst als wahren Gott und wahren Menschen aus der
glorreichen, allerseligsten, immerwährenden Jungfrau, der heiligen Maria, hast
geboren werden lassen, und weil du durch sein Kreuz und sein Blut und seinen Tod
uns, die gefangen waren, hast erlösen wollen.
4 Und wir sagen dir Dank, weil er, dein Sohn, kommen wird in der Herrlichkeit
seiner Majestät, um die Verdammten, die nicht Buße getan und dich nicht
erkannt haben, ins ewige Feuer zu stürzen, und um allen, die dich erkannt und
angebetet und dir in Buße gedient haben, zu sagen: "Kommt, ihr Gesegneten
meines Vaters, nehmt das Reich in Besitz, das euch bereitet ist vom Anbeginn der
Welt" (vgl. Mt 25,34).
5 Und da wir Elenden und Sünder allesamt nicht würdig sind, dich zu nennen, so
bitten wir flehentlich, unser Herr Jesus Christus, dein geliebter Sohn, "an
dem du dein Wohlgefallen hast" (vgl. Mt 17,5), möge mit dem Heiligen
Geiste, dem Tröster, dir für alles Dank sagen, wie es dir und ihm gefällt-,
er ist es ja, der dir stets für alles zur Genüge ist, durch den du uns so viel
gegeben hast. Alleluja.
6 Und die glorreiche, allerseligste, allzeit jungfräuliche Mutter Maria, die
seligen Michael, Gabriel und Raphael und alle Chöre der seligen Seraphim,
Cherubim, Thronen, Herrschaften, Fürstentümer, Gewalten (vgl. Kol 1, 15), Mächte,
Engel, Erzengel, den seligen Johannes den Täufer, Johannes den Evangelisten,
Petrus, Paulus und die seligen Patriarchen, die Propheten, die Unschuldigen
Kinder, die Apostel, Evangelisten, Jünger, Märtyrer, Bekenner, Jungfrauen, die
seligen Elias und Henoch und alle Heiligen, die waren und sein werden und sind,
bitten wir um deiner Liebe willen in Demut, daß sie so, wie es dir gefallt, für
all das Dank sagen dir, dem höchsten, wahren Gott, dem ewigen und lebendigen,
mit deinem vielgeliebten Sohn, unserem Herrn Jesus Christus und dem Heiligen
Geiste, dem Tröster, "von Ewigkeit zu Ewigkeit" (Offb 19,3). Amen.
Alleluja (Offb 19,4).
7 Und alle, die in der heiligen, katholischen und apostolischen Kirche Gott dem
Herrn dienen wollen, und alle folgenden Stände: die Priester, Diakone,
Subdiakone, Akolythen, Exorzisten, Lektoren, Ostiarier und alle Kleriker, alle
Ordensmänner und Ordensfrauen, alle Konversen 170 und Kinder 171, die Armen und
Notleidenden, die Könige und Fürsten, die Arbeiter und Bauern, die Knechte und
die Herren, alle Jungfrauen, sowohl die Enthaltsamen, wie die verheirateten
Frauen, die Laien, Männer und Frauen, alle Unmündigen, Heranwachsenden,
Erwachsenen und Greise, Gesunde und Kranke, alle kleinen und Großen und alle Völker,
Geschlechter, Stämme und Sprachen (vgl. Offb 7,9), alle Nationen und alle
Menschen, wo nur immer auf Erden, die sind und sein werden, bitten wir Minderen
Brüder alle, "wir unnützen Knechte" (Lk 17, 10), demütig und flehen
sie an, wir möchten doch alle im wahren Glauben und in der Buße ausharrend,
denn anders kann niemand gerettet werden.
8 Laßt uns alle "aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele, aus ganzer
Gesinnung, aus aller Kraft (vgl. Mk 12,30) und Stärke, mit ganzem Verstand
(vgl. Mk 12,33), mit allen Kräften" (vgl. Lk 10,27), mit ganzer
Anstrengung, mit ganzer Zuneigung, mit unserem ganzen Inneren, mit allen Wünschen
und aller Willenskraft "Gott den Herrn" (Mk 12,30 par.) lieben, der
uns allen den ganzen Leib, die ganze Seele und das ganze Leben geschenkt hat und
schenkt, der uns erschaffen hat, erlöst hat und uns einzig durch sein Erbarmen
retten wird (vgl. Tob 13,5), der uns Elenden und Armseligen, Üblen und
Abscheulichen 172, Undankbaren und Bösen alles Gute erwiesen hat und erweist.
9 Nichts anderes wollen wir darum ersehnen, nichts anderes wollen, nichts
anderes soll uns gefallen und erfreuen als unser Schöpfer und Erlöser und
Retter, der alleinige wahre Gott, der ist die Fülle des Guten, alles Gute, das
gesamte Gute, das wahre und höchste Gut, der allein gut ist (vgl. Lk 18,19), gnädig,
gütig, milde und freundlich, der allein heilig ist, gerecht, wahr, heilig und
einfach, der allein gütig, uneigennützig, rein ist, von dem und durch den und
in dem alle Vergebung, alle Gnade, alle Herrlichkeit für alle Bußetuenden und
Gerechten, für alle Glückseligen, die sich im Himmel mitfreuen, herkommt.
10 Nichts also soll hindern, nichts trennen, nichts fälschen 173.
11 Überall, an jedem Orte, zu jeder Stunde und zu jeder Zeit, täglich und
unablässig wollen wir alle wahrhaft und demütig an ihn glauben und an ihm im
Herzen festhalten und ihn lieben, ehren, anbeten, ihm dienen, ihn loben und
benedeien, verherrlichen und hoch erheben, ihn preisen und ihm Dank erweisen,
dem erhabensten und höchsten ewigen Gott, der Dreifaltigkeit und Einheit, dem
Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, dem Schöpfer von allem und dem
Retter aller, die an ihn glauben und auf ihn hoffen und ihn lieben, der ohne
Anfang und ohne Ende ist, unveränderlich, unsichtbar, unbeschreiblich,
unaussprechlich, unbegreiflich, unerforschlich (vgl. Röm 11,33), gepriesen,
lobwürdig, ruhmreich, hocherhoben (vgl. Dan 3,52), erhaben, groß, milde,
liebenswert, Freude bereitend und ganz über alles zu ersehnen in Ewigkeit.
Amen.
[24. Kapitel
Schluß]
1 Im Namen des Herrn! Ich bitte alle Brüder, den Wortlaut und Sinn dessen, was
in dieser Lebensordnung zum Heile unserer Seele geschrieben ist, zu erlernen und
sich dieses häufig ins Gedächtnis zurückzurufen.
2 Und ich flehe zu Gott, er, der allmächtig, dreifaltig und einer ist, möge
alle segnen, die dieses lehren, lernen, bei sich haben, sich zu Herzen nehmen
und vollbringen, sooft sie wiederholen und tun, was daselbst zum Heil unserer
Seele geschrieben ist.
3 Und ich beschwöre alle mit dem Kuß der Füße, dieses von Herzen zu lieben,
zu befolgen und aufzubewahren.
4 Und von seiten Gottes, des Allmächtigen, und des Herrn Papstes und im
Gehorsam gebiete ich, Bruder Franziskus, streng, und befehle, daß niemand von
dem, was in dieser Lebensordnung geschrieben ist, etwas streiche oder ihr etwas
weiteres schriftlich hinzufüge (vgl. Dt 4,2; 12,32), sowie auch, daß die Brüder
keine andere Regel haben sollen.
5 Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang,
so auch jetzt und immer und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
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